Leipzig – Saxony (German)

Location: Saxony
About this community: In einer Urkunde Heinrichs des Erlauchten aus dem Jahre 1248 wurden erstmalig Juden in Leipzig erwähnt. Zu dem Zeitpunkt scheint bereits eine wohlorganisierte Gemeinde mit Rabbiner, Bethaus und Schule bestanden zu haben, sodass man davon ausgehen kann, dass die ersten Juden sich gegen Ende des 12., Anfang des 13. Jahrhunderts angesiedelt hatten. Aus einer anderen Quelle geht hervor, dass in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine jüdische Siedlung vor den Mauern der Stadt existierte. Die Judengasse befand sich etwa zwischen der heutigen Hauptfeuerwache und dem Goerdelerring. Die Juden mussten an den Markgrafen ein einträgliches Schutzgeld zahlen. 1364 werden erstmals Namen jüdischer Einwohner genannt, darunter der des Schulmeisters.
Im Mittelalter gab es in Sachsen drei Judenverfolgungen:
1348/49 kommt es zu grausamen Pogromen, da den Juden die Schuld für die Ausbreitung der Pest gegeben wird. Sie wurden aus der Stadt vertrieben, viele dabei umgebracht. Die zweite Verfolgung geschah durch den Landgrafen Friedrich im Jahre 1411 mit der Konfiszierung ihres Vermögens und Grundbesitzes.
Die dritte Verfolgung fand in den Gräueln der Hussitenkriege im Jahre 1430 statt. Die Vertreibung führte zur Auflösung der jüdischen Gemeinden.
Nur die sogenannten Hofjuden waren keinen Verfolgungen ausgesetzt, da sie unter dem Schutz des Landesherren standen, dem sie dafür jährliche sog. Schutzgelder zahlen mussten.
Ab Mitte des 15. Jahrhunderts soll es wegen der Verfolgungen keine sesshaften Juden mehr in Leipzig gegeben haben. Sie kamen nur zu den Messen und trugen viel zu dem damaligen Warenverkehr bei. Während der Messen hielten sie in Privatquartieren ihre Gottesdienste. Zugleich hatten sie aber hohe Abgaben zu zahlen.
"Um die Wende des 17. Jahrhunderts gab es einen heftigen Streit, in dem der Leipziger Rat jegliche Versammlung von Juden zu gemeinsamem Gebet und jegliche Kultübung unterbinden wollte. Man ging so weit, dass den Juden sogar die gemeinsamen Mahlzeiten verboten wurden. Sicherlich haben die Juden bei den gemeinsamen Mahlzeiten gebetet, wenn nicht sogar Gottesdienst, zur Umgehung des Verbotes, abgehalten... " (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 219)
Es kam zu jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen dem Rat der Stadt Leipzig und der Vertretung der Messejuden um das Recht auf Abhaltung von Gottesdiensten in Privathäusern und Beten während der Mahlzeiten, in deren Verlauf auch immer wieder der König durch Eingaben einbezogen wurde. Die Juden drohten sogar damit, den Messen in Leipzig fernzubleiben, wenn ihnen diese Rechte nicht zugestanden würden. Am 4. Oktober 1820 erhielten sie schließlich vom Magistrat der Stadt Leipzig die Genehmigung, während der drei Leipziger Messen einen Gottesdienst nach dem Ritus der Reformer in einem Privatgebäude durchzuführen mit der Auflage, dass in deutscher Sprache gebetet und gepredigt und Choralgesänge mit Begleitung einer Orgel oder eines Chores erfolgen sollte.
"Nach dieser offiziellen Erlaubnis, Gottesdienst abzuhalten, wurde nach dem ersten Gottesdienst im 'Paulinum' der Universität dieser später im Herzenschen Hause in der Reichsstraße zelebriert. Im Laufe dieser Zeit hat diese Betgemeinschaft ihre Betsäle 'Leipzig-Berliner-Synagoge' genannt, obwohl die Berliner sich die Verwaltung der Synagoge vorbehalten hatten...Im Jahre 1845 wurde die 'Leipzig-Berliner-Synagoge' nach dem 'Heilbrunn' (Brühl 71) verlegt. Den Synagogenvorstand bildeten damals die Berliner I. Meyer und Benny Rathenau.... Mit ihnen wurden nun Verhandlungen angeknüpft, um die Synagoge in die Verwaltung der Gemeinde zu bringen. 1849 kamen diese Verhandlungen zum Abschluß, sodaß die Synagoge im 'Heilbrunn' als erste Gemeindegottesdienstsynagoge bezeichnet werden muß. Diesen Gottesdienst machten die in Leipzig ansässigen Juden zu ihrer ständigen Einrichtung...Gab es doch auch noch keinen formellen Zusammenschluß der ansässigen Juden, so empfanden sie sich doch als Gemeinde, der Gottesdienst hieß auch bisweilen: 'Synagoge der israelitischen Gemeinde zu Leipzig'. (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, Seiten 224-226)
Rabbiner Wolf Ullmann, 1763 in Fürth geboren, war 1810 nach Leipzig gekommen und hielt auch zwischen den Handelsmessen im Herzschen Haus in der Reichsstraße 34 in dieser Leipzig-Berliner Synagoge den Gottesdienst für die ansässigen Leipziger Juden, da diese ja noch keine eigene Synagoge und keinen eigenen Rabbiner hatten. Der Kaufmann Elka Herz (1751-1816) war der frühere Besitzer des Hauses. Ullmann galt als religiöses Oberhaupt der kleinen Leipziger Gemeinde.
Seit Beginn des 18. Jahrhunderts durften sich die jüdischen Kaufleute für die Messezeit am Brühl ansiedeln. Die Kaufmannschaft und mit ihr der Rat von Leipzig verhielten sich abweisend gegen jede Ansässigkeit von jüdischen Kaufleuten, die als Konkurrenten angesehen wurden. Dennoch gelang es vereinzelten Juden, zum Beispiel Gerd Levi aus Hamburg, zu Beginn des 18. Jahrhunderts und später seit 1786 David Hirsch als Hof- und Schutzjude mit Genehmigung des Kurfürsten in Leipzig dauerndes Aufenthaltsrecht zu erlangen. Ende des 18. Jahrhunderts hatten sechs Familien als "Schutzjuden" ihren festen Wohnsitz in Leipzig. Aber: "Sie durften keinen Großhandel treiben; sie durften keinen offenen Laden haben. Sie durften kein Bethaus errichten; sie durften sich nicht in Leipzig begraben lassen. Ihre Toten mussten sie ins 'Ausland' transportieren, fünfzig Meilen weit nach Dessau z.B., wo der regierende Fürst von Anhalt die Gnade gezeigt hatte, den Juden einen Begräbnisplatz zuzugestehen. Diese Situation entbehrte nicht einer tragischen Ironie, denn Leipzig brauchte zu gewissen Jahreszeiten die Juden. Seit dem Mittelalter hatten sich die periodisch gehaltenen Warenmessen zur Hauptstütze der Leipziger Wirtschaft entwickelt. Um 1800 herum zählte Leipzig normalerweise 30000 Einwohner. Zur Messezeit kamen 13000 Messegäste hinzu und von denen war ein Viertel Juden. Ohne die Messen wäre Leipzig eine wenig bedeutende Provinzstadt gewesen. Durch die Messen hatten Stadt und Bürgerschaft Reichtum und Weltgeltung erworben und ohne die jüdischen Kaufleute und Händler aus allen Teilen Europas und besonders aus den jüdischen Siedlungsgebieten Osteuropas wären die Messen kaum zu ihrer großen Bedeutung gekommen. Als Fremde, die Geld und Gut in die Stadt brachten und dann wieder verschwanden, waren die Juden willkommen. Nur wenn sie ihr Heim dort gründen wollten, begegnete man ihnen mit Ungnade und Schikanen." (aus dem 1962 erschienen Artikel von Fred Grubel, "Der Judenfriedhof im Johannistal", zitiert nach: Brocke, Stein und Name, Jüdische Friedhöfe in Ostdeutschland, S. 454-455) In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es bei den Leipziger Messen zu spürbaren Verbesserungen für die jüdischen Händler aus Polen, Russland und Ungarn. Sie wurden 1772 vom Leib Zoll befreit und zahlten zum ersten Mal nicht mehr als christliche Kaufleute für ihre Teilnahme an der Messe. Auch hatte sich der Osthandel in Leipzig verstärkt. Die Entwicklung Leipzigs zum Zentrum des Pelzhandels haben die jüdischen Messebesucher wesentlich beeinflusst. Ihr Messequartier hatten sie am Brühl. Um 1800 bestritten Händler aus Russland und Polen fast ein Drittel des Warenumsatzes während der Messen. Eine besonders große Rolle spielten dabei die Kaufleute aus Brody. Ein Brodyer gehörte zu denen, die sich in Leipzig ansiedeln durften. Auch außerhalb der Messen konnte er Pelzhandel betreiben. Die Juden aus der nordgalizischen Stadt Brody richteten am Brühl im Haus "Zum blauen Harnisch" die erste Betstube ein. Diese im Jahr 1753 gegründete "Brodyer Synagoge" ist die älteste der Betstuben, von der man sichere Kenntnis hat. Sie wurde nur während der Messen benutzt. Der Raum war nicht sehr groß, doch um 1790 noch ausreichend, um die etwa 30 Juden, die dort regelmäßig beteten, aufzunehmen. Im folgenden Jahrzehnt nahm die Zahl der Beter stark zu, im Jahre 1800 sollen es bereits 250 Brodyer gewesen sein, sodaß der Raum viel zu eng wurde. "Bei dem Aufschwung, den die Messe nach dem Krieg nahm, waren polnische, besonders Brodyer Kaufleute in hohem Maße beteiligt, sodaß die Schaffung eines landsmannschaftlichen Gottesdienstes sehr erklärlich ist. Als dieses Betlokal kurz vor dem Jahre 1800 zu kleine wurde, planten die Brodyer die Einrichtung einer neuen Betstätte oder gar einer Synagoge. ..um 1800 gelang es den Brodyer Juden, einen repräsentativen Betsaal, mehr Synagoge, einzurichten." (zitiert nach: Chronik der Juden in Dresden, S. 227)
Dem Rat der Stadt war die Anwesenheit der Brodyer Juden inzwischen so wichtig, dass er trotz des Widerstandes christlicher Kreise die Errichtung des erweiterten Betsaals gestattete.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden neben der Leipzig-Berliner-Synagoge und der Brodyer Betstube noch weitere Betstuben errichtet: 1822 werden die Tykotschiner und die Wilnaer Betstube genannt, 1835 sind zusätzlich noch die Betstuben der Warschauer, Dessauer, Wollsteiner, Breslauer, Krakauer und Halberstädter Kaufleute vorhanden.

Die Französische Revolution führte im Unterschied zu Preußen nicht gleich zu vollen Bürgerrechten in Sachsen. Erst ab 1830 wurde die Gleichberechtigung auch hier nach und nach realisiert. 1837 erließ der sächsische König Friedrich August ein weitreichendes Dekret, in dem er den Juden in Dresden und Leipzig die Genehmigung erteilte, sich jeweils in einer Religionsgemeinschaft zu vereinigen, ein Bet- und Schulhaus zu errichten und ein Grundstück zur Errichtung desselben zu erwerben. Die bisherigen Privatsynagogen sollten aufgehoben werden, für die die Messe zu Leipzig besuchenden ausländischen Juden sollten diese aber weiterhin gestattet sein. Siebzig bis achtzig Juden waren zu der Zeit eingeschriebene Mitglieder der Religionsgemeinschaft, vorwiegend Kaufleute, Handwerker, Intellektuelle, und auch schon Arbeiter. Wenige Jahre später waren es bereits 162 Juden.
1846 gründete sich die liberale Synagogengemeinde Leipzig, es entstand die erste Synagogen- und Gemeindeordnung und ab 1849 verwaltete die Gemeinde die Leipzig-Berliner Synagoge, die damit als erste Gemeindesynagoge galt. Schon bald jedoch wurde wegen der stetig anwachsenden Gemeindemitgliederzahl eine größere Synagoge geplant. 1853 kaufte die jüdische Gemeinde ein Grundstück an der Gottschedstraße, Ecke Zentralstraße. Für die Finanzierung der Synagoge wandte sich der Gemeindevorstand auch an die Gemeindemitglieder, um Spenden zu sammeln. 80 jüdische Familien spendeten Mittel zur Errichtung der Synagoge. Der Architekt Otto Simonson (1829-?), ein Schüler von Gottfried Semper (1803 bis 1879), wurde mit dem Entwurf für die zu errichtende Große Leipziger Synagoge beauftragt. Am 7. September 1854 fand im Beisein königlicher, städtischer und geistlicher Behörden die feierliche Grundsteinlegung statt, bei der Rabbiner Dr. Jellinek in seiner Rede u.a. die folgenden hoffnungsvollen Worte sprach, deren Tragik wir heute erfassen können, da wir wissen, wie der weitere Verlauf der Geschichte diese Hoffnungen zerstört hat: "Vertrauensvoll übergeben wir dem Grundstein die Ankündigung des Regierungsantrittes Sr. Majestät, unseres Königs JOHANN, dessen Thron nicht mehr von Unterthanen umgeben ist, die um Gleichstellung bitten müssen...
Es vertraut das Volk seinem erhabenen König, die Stadt ihrem aufgeklärten Bürgermeister, die Gemeinde ihrem trefflichen Vorstande; auf diesem Vertrauen zwischen Fürst und Volk, zwischen Untergebenen und Vorgesetzten, zwischen Bürger und Bürger, zwischen Confession und Confession ruhe unser künftiger Gottestempel, fest und unerschütterlich für alle Zeiten! 'Vertrauen erweckt Vertrauen', mit diesem königlichen Spruch sei der Grundstein geweiht und gesegnet! Amen" (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 235)
"Die unregelmäßige Grundform des Bauplatzes stellte den Architekten vor eine besondere Schwierigkeit. Simonson löste die Aufgabe, indem er dem Gotteshaus den Grundriß eines Trapezes gab. Den Synagogenraum entwarf er in Form einer Emporenbasilika im maurischen Stil. Das überhöhte Mittelschiff wurde durch je drei Arkaden mit Hufeisenbögen von den Seitenschiffen getrennt. Die Längsachse verlief von West nach Ost zum Thoraschrein. Der Schrein, der 15 Thorarollen enthielt, befand sich – abgesondert vom Schiff – in einem Rundbau mit Oberlicht."(zitiert nach: Bernd-Lutz Lange, Jüdische Spuren in Leipzig, Leipzig 1993, S. 37, Foto S. 38, 41,42)
Beim Anblick des Hauptraumes berichtete euphorisch ein Betrachter:
"Wir stehen am Eingang, der Blick stellt sich dar, das geräumige, hohe Mittelschiff, über welches das durch zahlreiche, dicht unter dem Plafond angebrachte Fenstergruppen herabfallende Licht eine magische Wirkung ausgießt..." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 242)
Bei der Größe der Synagoge – sie gab Platz für 1600 Besucher - wurden die vielen Messebewohner miteingeplant. Am 10. September 1855 erfolgte die Weihe durch den Rabbiner Dr. Adolf Jellinek (1820-1893), der seiner Rede den Text des 2. Moses, 25,8 zugrunde legte: "Und sie sollen mir ein Heiligthum machen, daß ich unter ihnen wohne." So wie bereits bei der Grundsteinlegung sprach er im Geiste der Versöhnung. Denn "nicht das Werk einer kurzen Zeit oder eines Bekenntnisses oder eines Volkes allein ist dieser Tempel, sondern die edelsten Geister, die Kräfte verschiedener Völker und verschiedener Confessionen und zwei erleuchtete Fürsten haben dazu mitgewirkt und die Bürgerschaft Leipzigs hat ihn durch Rath und That gefördert, sodaß er, entsprechend jenem am jüdischen Versöhnungstag überkommenen Gebote, dastehe als ein Bau der Versöhnung, der Eintracht und der Menschenliebe." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 246)
Wegen des maurischen Stils erhielt die Synagoge den Beinamen "Tempel". Nach der Einweihung der neuen Synagoge wurde die Berliner Synagoge als Privatsynagoge weitergeführt.
Am 29.3.1868 wurde die von den Erben des ersten Gemeindevorstehers Hermann Samson gestiftete Orgel eingeweiht. Die Orgel war ein Beleg für die liberale Haltung der Gemeinde.
Erster Gemeinderabbiner wurde 1858 Abraham Meyer Goldschmidt (1812 -1889). Von 1917 bis 1934 hatte Felix Goldmann dieses Amt inne. Er war sehr um Verständigung zwischen liberalen und orthodoxen Juden bemüht und arbeitete mit seinem orthodoxen Amtskollegen Dr. Ephraim Carlebach zusammen.
Die Messestadt galt als ein Zentrum des Liberalismus in Deutschland. Das Leipziger Bürgertum verhielt sich der Religionsgemeinde gegenüber positiv. "Bei Brockhaus erschienen 1844 die gesammelten Schriften Moses Mendelssohns. Sein dem Luthertum angehörender Enkel, Felix Mendelssohn Bartholdy, trat an die Spitze des Gewandhauses und wurde zum Gründer der heutigen Musikhochschule. Die Universität hat sich jüdischen Wissenschaftlern nicht verschlossen. Sie berief 1837 Julius Fürst zum 'Lector publicus' für Orientalistik, ausdrücklich für talmudische Sprachen und Literatur, auch wenn ihm zunächst 'mit Rücksicht auf die bestehende Verfassung der Universität' die Professur versagt blieb. Nur Christen waren für ein solches akademisches Amt zugelassen. Wenige Jahre später hatte er doch die Professur erhalten. Und 1838 promovierte an der Universität als erster Jude der auswärtige Rabbiner Samuel Holdheim mit einer Dissertation über die Dogmatik der jüdischen Religionslehre." (zitiert nach: Juden in Leipzig, eine Dokumentation, S. 12)
1869 erhielten die Juden in Sachsen endlich durch die Verfassung des Norddeutschen Bundes gleiche bürgerliche und staatsbürgerliche Rechte.
Durch die industrielle Revolution und die zunehmende Bedeutung des Handelsplatzes Leipzig nahm die Zahl der jüdischen Einwohner in Leipzig in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark zu. 1871 waren es etwa 1800, 1890 schon 4300 und zehn Jahre später lebten bereits 6200 Juden in Leipzig. Davon entfiel ein großer Anteil auf Zuwanderer aus dem Osten. Zudem flohen viele Juden vor den zaristischen Pogromen aus Rußland. Die in Leipzig lebenden, aber aus unterschiedlich gearteten Milieus und Kultursphären stammenden Juden machten eine gemeinsame jüdische Gemeinde unmöglich. "Chassidim (Fromme) und Misnagdim (fromme orthodoxe Gegner) mußten miteinander leben. Polen, Litauer, Russen und Galizier begegneten sich tagtäglich. Und die Streitereien unter ihnen schwiegen nur, wenn der Widerstand gegen den gemeinsamen Gegner, die 'deutschen Juden', die offizielle 'Gemeinde', sie einte.
Aber auch die deutschen Juden waren nicht einheitlich, nicht alteinsässig, auch sie gehörten verschiedenen Traditionskreisen an, und so wies Leipzig in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts keine eigentliche Gemeinde im Sinne einer geistigen und jüdischen Zusammengehörigkeit auf, sondern war lediglich eine große Ansammlung von Juden, die zu einer Einheit gar nicht zusammenschmelzen wollte.
Die 'deutschen Juden' waren hauptsächlich aus Anhalt und Hessen-Nassau eingewandert, und in ihren kulturellen und jüdischen Anschauungen neigten sie ganz nach dem deutschen Westen. So war die Kluft zwischen 'Ostjuden' und 'Westjuden' unendlich tief." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 124)
Die 1846 gegründete liberale "Israelitische Religionsgemeinde" nahm auf die damals schon zahlreichen ausländischen an ihren orthodoxen Traditionen festhaltenden Juden keine Rücksicht. Die 1855 erbaute Synagoge erhielt selbstverständlich eine Orgel und der Gottesdienst wurde nach liberalem Ritus durchgeführt. Mit der großen Zahl von galizischen, polnischen und russischen Juden bildete sich in Leipzig die nach Berlin zweitgrößte unter sich nochmals sehr zersplitterte ostjüdische Gemeinde, die an ihrer jiddischen Sprache und ihren orthodoxen Bräuchen festhalten wollte und entsprechend ihrer Herkunft eine Fülle eigener kleiner Synagogen und Betstuben errichtete, z.B. die Jassyrer, Krakauer, Lemberger und viele andere mehr. Im 19. Jahrhundert und bis in die 1920er Jahre hatten etliche kleine Betstuben ihren eigenen "Rebbe" (Rabbiner).
"Nach Vorlage der( folgenden) Aufstellung an ehemals in Leipzig wohnende Juden wurde von diesen mitgeteilt, daß sich außer den (folgenden) aufgeführten Betstuben noch weitere in Leipzig befanden, deren Anschriften und Namen nicht mehr bekannt sind." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 230)
"Wer kann all die Gotteshäuser in Leipzig nennen, die nach Städten oder dem Namen ihrer Stifter benannt waren, die Namen trugen, die für Synagogen üblich sind oder nach der Straße und dem Viertel, in welchem sie sich befanden?" (Simon Jakob Kreutner, Mein Leipzig, Jerusalem 1982, zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 262)
Die meisten Synagogen und Bethäuser in Leipzig wurden zur NS-Zeit geschändet oder während des Krieges durch Bomben zerstört. Nur die ehemalige Brodyer Synagoge hat heute noch ihre ursprüngliche Funktion.

Bethäuser, Betstuben und Synagogen in Leipzig:
Um 1820 wurde die "Jassyer Synagoge" von wohlhabenden Kaufleuten, im Hof der Gerberstraße 48-50 gegründet. Der Name weist auf den rumänischen Herkunftsort, der sie besuchenden Juden hin. In den 1920er Jahren war sie nur noch eine ärmliche Gebetsstube. Nach 1916 hatte sie auch keinen eigenen Rabbiner mehr. Über das Schicksal der Synagoge in der Reichspogromnacht ist nichts bekannt. Ebenfalls in der Gerberstraße 48-50 befand sich die Bochnia-Synagoge. Beide Synagogen wurden während des Krieges durch Bombenangriffe zerstört, denen die gesamte Gerberstraße zum Opfer fiel.
"Lemberger Synagoge", gegründet um 1830, ehemals Schützenstraße 7, das Gebäude wurde im Krieg zerstört.
"Merkin- Synagoge", gegründet um 1830, Ritterstraße 7, das Gebäude ist erhalten.
"Tiktiner Synagoge", gegründet 1850, ehemals Brühl 71, in der Pogromnacht 1938 demoliert, das Gebäude im Krieg zerstört.
Prager Betstube, gegründet um 1820
Wilnaer Betstube, gegründet 1822
Warschauer Betstube, gegründet um 1835
Dessauer Betstube, gegründet um 1835
Wollsteiner Betstube, gegründet um 1835
Breslauer Betstube, gegründet um 1835
Halberstädter Betstube, gegründet um 1835
"Bet- Jakob" Betstube, gegründet 1820
Berliner Synagoge, gegründet 1816, 1845 nach Brühl 71 verlegt
Die Betstube Kroch trug den Namen ihres Wohltäters, in dessen Haus sie auch untergebracht war. Kroch war als Thoragelehrter und Schriftsteller bekannt.
In der orthodoxen Betstube "Bianer Rebbe" versammelte sich eine besonders große religiöse Gruppe polnischer Juden. "Bemerkenswert ist zu erwähnen, daß zu Simchat Thora (Tag der Gesetzgebung) und zu Purim (Fest zur Befreiung antisemitischer Verfolgungen in Persien) ausgelassen in dieser Betstube gefeiert wurde. Man erzählt, daß Hunderte Anhänger des Rebben zu diesen Feiern kamen. Bei dieser Gelegenheit soll Wodka in Strömen geflossen sein. Die Chassidim hatten nicht nur in der Synagoge, sondern sogar auf der Straße getanzt, und die in der Nähe wohnenden Hausbewohner und Straßenpassanten sollen amüsiert diesem ausgelassenen Treiben zugeschaut haben." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 266)

Bethaus "Bikur Cholim", entstand 1905 als Privatsynagoge, befand sich in der 1. Etage im Hinterhaus Eisenbahnstraße 6 (oder 9), später Ernst-Thälmann-Straße 9. Mit der Gründung des Vereins Bikur-Cholim (Israelitischer Krankenunterstützungsverein) im Jahre 1907 wurde es als Betstube des Vereins genutzt. In der Pogromnacht 1938 wurde sie zerstört. Das Gebäude selbst ist erhalten.
"Kolomey-Synagoge", wurde 1904 in der Gerberstraße 48-50 von ostjüdischen Orthodoxen aus dem Mittelstand, namentlich von Samuel Krauthammer gegründet. Die Namensgebung weist auf den Herkunftsort der Familie Krauthammer hin. Zur Einweihung hielten Ephraim Carlebach vom Talmud Thora Verein und Rabbiner David Feldmann von der Ahawas Thora Synagoge die Predigten. Später fand die Synagoge in der Blüchersraße 39 im Haus des Kaufmanns Samuel Krauthammer ihre Bleibe und ab 1931 in der Berliner Straße Nr. 4. Mit 100 Herren- und Damenplätzen war sie die vierte größte Synagoge in Leipzig. In der Pogromnacht 1938 wurde sie demoliert. Das Gebäude wurde im Krieg zerstört.

"Krakauer-Synagoge", gegründet 1902, ehemals Berliner Straße 10, in der Pogromnacht 1938 geplündert. Das Gebäude wurde im Krieg zerstört.
Vor dem Krieg gab es in der Färberstraße 4-6, in der auch die Gebetsstube Talmud Thora ihren Sitz hatte, eine weitere 1907 gegründete streng orthodoxe Synagoge mit dem Namen Ahawath Thora (Liebe zur Thora). Die Mitglieder der Gemeinde waren ostjüdischen Ursprungs. Ihr Rabbiner war seit 1910 der am 24.9.1878 in der Bukowina/Rumänien geborene, in Galizien aufgewachsene und in Ungarn ordinierte Rabbiner David Feldmann. Er leitete die Synagoge bis 1935. "Die Synagoge war streng orthodox, ohne jede Abweichung von der Tradition, hielt sich aber von allen partikularitischen Richtungen fern. Sie war weder chassidisch (streng fromm) noch antichassidisch. Die Betergemeinde, ostjüdisch in ihrer überwiegenden Mehrheit, gehörte zu beiden Richtungen.
Was diese Synagoge einem Lehrhaus gleichstellte, war in erster Linie das ständige Thorastudium, das sich in ihr abspielte, tagtäglich und während vieler Stunden am Tag. Im Vorsaal der Synagoge standen viele Bücherschränke.
Die Synagoge stellte keine berühmten Kantoren an. Dagegen war sie auf ihre Vorbeter stolz, die in den alten Weisen der Gebete bewandert waren und generationenlang gepflegte Melodien vortrugen. Nur wenige Zylinder waren auf den Häuptern der Andächtigen zu sehen. Alle trugen breite, viereckige, wollene Gebetmäntel, mit Gold- und Silberborten reich verziert." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 261)
In diesem Gebäude richtete Rabbiner David Feldmann eine Thoralehranstalt für die Kinder der frommen jüdischen Familien ein. Er war auch ihr Lehrer. Der 1919 gegründete Talmud-Thora-Verein widmete sich der Aufgabe, jüdisches Wissen an seine Mitglieder und an die Jugend zu vermitteln und unterhielt diese Talmud-Thora-Schule. Von 1920 bis 1927 leitete der Bankier und Unternehmer Gabriel Nathansen den Verein. Politisch war er der orthodox jüdischen Volkspartei zugehörig und vertrat die Orthodoxen in der israelitischen Religionsgemeinde. Der Talmud-Thora-Verein wurde 1940 durch Eingliederung in den Reichsverband der Juden aufgelöst. Gabriel Nathansen wurde nach Theresienstadt deportiert, wo er 1944 ermordet wurde. Während des Novemberpogroms 1938 verwüsteten die Nazis die Räume und warfen Thorarollen aus dem Fenster. Das Gebäude wurde während des Krieges durch einen Bombenangriff zerstört.
Kurz nach dem Sieg des Feldmarschalls Paul von Hindenburg über die russische Armee des Zaren wurde um 1916/17 in der Humboldtstraße 24 die sogenannte Hindenburg-Synagoge errichtet. Dieses Bethaus war die genaue Abbildung eines chassidischen "Stiebel" (Stübchen) in Galizien. "Die Freude der Ostjuden in Leipzig über diesen Sieg enthielt das Element der Verachtung des Zaren wegen seiner antisemitischen Haltung den Juden gegenüber...Unter den Ostjuden in Leipzig kannte man diese Betstube auch als die "Vierundzwanzig", nach der Hausnummer in der Humboldtstraße, in der sie sich befand. In ihr trafen sich Angehörige von verschiedenen chassidischen Gemeinschaften und beteten. Jede dieser Gemeinschaften war zu klein, um eine eigene Betstube auf den Namen ihres 'Zaddiks' (heiliger Wundertäter. Anm. A.D,) zu unterhalten... In dieser Betstube war Rabbiner Schmuckler das Oberhaupt der Gläubigen..." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 262) Rabbiner Schmuckler war in den 20er Jahren für einen kurzen Aufenthalt im Heiligen Land. In der Zwischenzeit übernahm Rabbiner Feldmann dessen Aufgaben zusätzlich zu seinem Amt in der "Ahawath Thora". Nach der Rückkehr von Rabbiner Schmuckler gab er sie an ihn wieder ab. Die Betstube wurde im Novemberpogrom 1938 nicht beschädigt, das Gebäude wurde jedoch im Krieg zerstört.
Rabbiner David Feldmann war auch in der Betstube "Chewra Mischnajoth" der geistige Mittelpunk der Orthodoxen. Die 1909 gegründete Betstube befand sich in der Humboldtstraße 24 ebenso wie die 24er Synagoge. Die beiden Betstuben wurden beim Pogrom von 1938 nicht beschädigt, das Gebäude jedoch im Krieg zerstört.
In der Färberstraße 11a wurde 1921 im Hinterhaus die "Beth-Jehuda-Synagoge", nach der mit ihrer Familie im Vorderhaus wohnenden Grundstücksbesitzerin auch "Ariowitsch-Synagoge" genannt, errichtet. Louise Ariowitsch, Witwe des Pelzhändlers Julius Ariowitsch (des sogenannten "König des Brühl") hatte das Grundstück 1915 gekauft. In dem Hinterhaus befanden sich zunächst jüdische Gemeinderäume, z.B. ein Vereinszimmer zur Pflege jüdischen Wissens, sowie Geschäfts- und Unterrichtsräume des Jugendrates. Auch der "Jüdische gesetzestreue Verband" hielt seine Versammlungen dort ab. 1921 wurde ein Raum zur Synagoge ausgebaut. Im November 1938 wurde das Gebäude von den Nazis verwüstet, im Februar 1939 verschlossen, da die Mitglieder des Bethauses auswandern konnten. Später missbrauchten die Nazis beide Gebäude als "Judenhaus". Die im Hausflur befindlichen Fußbodenfliesen mit dem Davidstern-Motiv und das Wasserbecken an der Wand, das wohl zur rituellen Waschung vor dem Besuch der Synagoge diente, deuten darauf hin, dass in dem Gebäude orthodoxe Juden gewohnt haben. Nach dem Krieg fand die erste Sederfeier der Gemeinde in der ehemaligen Beth-Jehuda-Synagoge statt. Danach wurde sie nicht mehr als Synagoge genutzt. Im Juli 1993 entdeckte der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde, Aron Adlerstein, in einem Anbau den Raum der ehemaligen Mikwe.
Das Gebäude der ehemaligen Synagoge sowie die Mikwe sind erhalten.
"Eine weitere Synagoge, groß in ihren Ausmaßen und von schönem Inneren, war die Synagoge 'Ohel Jakob' (Zelt Jakobs) in der Pfaffendorfer Straße 4 (heute Dr. Kurt Fischer -Straße). In dieser betete einer der frommen Rabbiner, der in der Gemeinde als Rabbinatsassessor fungierte, Rabbiner Rogosnitzky. Er war litauischer Herkunft, und viele nannten ihn kurz den 'Litwak'. Darin war sowohl Anerkennung über sein Thorawissen als auch eine gewisse Distanz ausgedrückt." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 266)
Der 1918 gegründete Ohel Jakob Verein brachte die finanziellen Mittel für den Umbau und Erhalt der Synagoge auf. An der Spitze des Vereins standen ostjüdische mittelständische Unternehmer, die sich im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben der Stadt etabliert hatten. Diese Synagoge wurde 1915 gegründet, 1922 umgebaut und war nach der Gemeindesynagoge in der Gottschedtstraße sowie der Ez-Chaim Synagoge die drittgrößte Synagoge der Stadt. Das Gebäude wurde im Krieg zerstört.

Bernstein –Schul, gegründet etwa 1919 in der Reichsstraße 39 (spätere Bussestr. 5a?) von der Rauchwarenhändlerfamilie Bernstein. Die Betstube wurde in der Pogromnacht demoliert und danach geschlossen. (Leib Bernstein wurde 1859 in Brzesko (Galizien) geboren, konnte 1939 emigrieren. Seine Familie kam in Theresienstadt um.)
Tifereth-Jehuda-Synagoge, (orthodox), ehemals Eberhardstraße 11, das Gebäude wurde im Krieg zerstört. Heute befindet sich an der Stelle der Parkplatz des Hotels "The Westin Leipzig".
Betstube Tauchaer Straße (im Theater des jüdischen Kulturbundes)
Betstube Humboldtstraße 11 (im Saal des Sozialamtes der Religionsgemeinde)
Betstube Landsbergerstraße 90
Betstube Angerstraße 49
Wohn- und Bethaus des Rabbiners Israel Friedmann, Eckhaus Leibnitz Straße 24/Ecke Hinrichsenstraße. (chassidisch) Friedmann, geboren 1887 in Boyan bei Tschernowitz, entstammte einer alten Rabbinerdynastie. Nach dem ersten Weltkrieg baten Leipziger Orthodoxe ihn als Rabbi der Chassidim in Leipzig tätig zu sein. Der "Boyaner Hof" in der Nähe des Rosentals wurde ein wichtiger Ort jüdischen Lebens. In dem Haus des Rabbiners befand sich ein privates Gebethaus für die Leipziger Boyaner und Ruszyner Chassidim. Die Gebetsstube wurde bereits 1935 von den Nazis durch Vertreibung der Hausbewohner geschlossen. Friedmann konnte nach Palästina emigrieren, er starb 1951 in Tel Aviv. Das Gebäude des Bethauses ist erhalten.
Betstube Dr. Kurt Fischer-Straße
Betstube Berberstraße
Betstube in der Loehrstraße 10
Betstube in der Ritterstraße
Bethaus im Wohngebäude ehemals Aurelienstraße 14, wegen Baufälligkeit abgerissen
In der 1922 gegründeten "Schare Zedek - Synagoge" (Tore der Gerechtigkeit) im Hofgebäude der Gaststätte "Schillerlaube" im Schillerweg 31 war bis nach 1930 Josef Kober Kantor. Sein weiterer Lebensweg ist unbekannt. Das Gebäude ist erhalten.
Die "Synagoge Ez Chaim" (Baum des Lebens) wurde 1922 in der Otto-Schill-Straße 6 von Chaim Eitingon S-A. für den orthodoxen Talmud-Thora-Verein zur großen Freude von Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach gegründet, der in ihr ein weiteres Wirkungsfeld fand. Chaim Eitingon, geboren am 11.12.1857 in Schklow in Weißrussland, im zaristischen Russland bereits ein reicher Pelzhändler, war nach der Oktoberrevolution 1917 nach Leipzig gezogen. Für die Errichtung der Synagoge musste die Turnhalle der Leipziger Turngemeinde umgebaut werden. Dem Leipziger Architekten Stadtrat Pflaume war die Ausführung des Projekts übertragen worden. Nach dem Willen des Stifters sollte die Innenausstattung von erlesenem Geschmack sein, während das Äußere traditionell, die Fassaden und Fronten schlicht ausgeführt sein sollte.
Die Weiherede hielt Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach, dessen Ernennung zum orthodoxen Gemeinderabbiner mit der Einweihung der Synagoge fast zeitlich zusammenfiel. Er war nicht auf eine einzige Synagoge in der Stadt beschränkt, sondern predigte auch in anderen orthodoxen Betstuben der Stadt.
"Auf einer alten Photographie sieht man noch den herrlichen Innenraum dieses Gotteshauses. An der Ostseite befand sich der Heilige Schrein mit den Thorarollen, rechts und links flankiert von zwei großen achtarmigen Leuchtern, die mit großen Davidsternen versehen waren....Über dem Heiligen Schrein stand eine hebräische Inschrift: 'Wisse, vor wem Du stehst!' Über dem Schrein hing eine Leuchte von erlesener Schönheit, das Ewige Licht. Hinter dieser Leuchte war ein großes Rosettenfenster aus buntem Glas in die Ostmauer eingelassen, das ein feierliches Licht in den Innenraum warf... Auf großen runden Säulen mit Kapitellen stand die Frauenempore, die mit einem kunstvollen Gitter umgeben war. Der Innenraum der Synagoge war von einer Kassettendecke in Halbrundform überdeckt, die eine Ähnlichkeit zur Synagoge in der Gottschedstraße aufwies. Die Innenarchitektur gemahnte mit ihren Rundbögen und Filigranbemalungen an orientalische Vorbilder, wie zum Beispiel an die Alhambra in Spanien. Die hölzerne Bestuhlung, an den Seiten reich mit Schnitzwerk und Davidsternen verziert, sowie die Gebetspulte bestanden aus solidem Holzwerk...
In der 'Ez Chaim' Synagoge wurde täglich gebetet. 1927 wurde das erste Obergeschoß des Nebengebäudes zu einem Wochentagsbetsaal umgebaut. An Sabbath- und Festtagen war die Synagoge von ständigen und nichtständigen Betern überfüllt. Ein Teil der Betenden trug Zylinder und enge, rechteckige Gebetmäntel; ein anderer trug gewöhnliche Hüte und breite, viereckige, meist wollene Gebetmäntel, die den gesamten Rücken bedeckten." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 257; Foto vom Inneren der Synagoge und von dem Programm zur Einweihung auf den Seiten 258 und 259)
Ez-Chaim war die größte orthodoxe Synagoge in Sachsen. Sie wurde in der Pogromnacht 1938 verbrannt. Die Mauerreste wurden wenige Wochen später abgetragen.
Nach einem Umbau der ursprünglich bereits von einem Brodyer gegründeten Betstube in der Keilstraße 4 wurde 1903/04 nach Plänen des Architekten Oscar Schade im Erdgeschoß und in der ersten Etage die Brodyer Synagoge errichtet. Hier trafen sich auch die Mitglieder des orthodoxen Talmud-Thora-Vereins, weshalb die Synagoge oft auch nach diesem Verein benannt wird. Dr. Ephraim Carlebach (1879-1936), der 1901 nach Leipzig kam und seit den zwanziger Jahren bis 1936 orthodoxer Gemeinderabbiner war, predigte hier oft.
1898 wurde Oberkantor Hillel Schneider in sein Amt berufen. Er wirkte in der Gemeinde auch als Schächter und Mohel und war eine dominante Gestalt. Er trug ebenso wie Rabbiner Carlebach einen schwarzen, breitrandigen Hut. "Begnadet mit klangvollem warmen Bariton, der bis heute seine erstaunliche Frische und Schönheit bewahrt hat, gibt er besten und innigsten russischen Gesang, abhold den Verzierungen und Textwiederholungen chassidischer Provenienz. Diese Stimme, in Verbindung mit seiner edlen Erscheinung, die 'mit Würd und Hoheit angetan', ihr hohes Amt erfüllt, vermittelt schon rein äußerlich einen starken Eindruck..." (Aus dem Gemeindeblatt vom 30. Oktober 1930 zu seinem 70. Geburtstag, zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 218) Hillel Schneider emigrierte am 1. März 1935 nach Australien. Sein weiterer Lebensweg ist unbekannt.
"Bemerkenswert war der Einsatz des Leipziger Bankiers Kroch für die Brodyer Synagoge; jahrzehntelang unterhielt er finanziell dieses Gotteshaus. Er ließ sogar religiöse Werke (Gemaroth) drucken und versandte diese an jüdische Religionswissenschaftler und tiefreligiöse Juden." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 264)
Während des Novemberpogroms 1938 wurde die Brodyer Synagoge nicht angezündet, da der Brand die angrenzenden und darüber liegenden Wohnungen gefährdet hätte. Aber der Innenraum wurde verwüstet und die farbigen Bleiglasfenster zerstört. Nach dem Krieg wurde die Synagoge wieder hergerichtet und im Oktober 1945 geweiht. Im Mai 1993 fand nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten eine neue Weihe statt. Sie ist heute die Synagoge der israelitischen Religionsgemeinde von Leipzig und steht seit den 1980 Jahren unter Denkmalschutz. (Fotos vom Inneren der Synagoge in: Chronik der Juden in Leipzig, Seiten 264 und 265).
Im Novemberpogrom 1938 wurde die große Synagoge in der Gottschedtstraße in Brand gesetzt. Wie überall schützte die Feuerwehr nur die angrenzenden Gebäude. Die Gemeinde musste noch die Kosten für den Abriss tragen. (Foto S. 40) Der letzte Rabbiner Gustav Cohn und der Oberkantor Samuel Laupel wurden nach 1942 nach Auschwitz deportiert.
Am 10. November 1966 wurde am Standort der einstigen Synagoge ein von Joachim Förster gestalteter Gedenkstein aufgestellt. Er trägt die Inschrift:
"Gedenkt / Hier wurde am 9. November 1938 die Große Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinde durch Brandstiftung faschistischer Horden zerstört. Vergeßt es nie!"
Seit dem Jahre 2001 steht ein weiteres Mahnmal: eine von den Architekten Anna Dilengite und Sebastian Helm entworfene sechs Meter lange bronzene Gedenktafel mit dem Gebäudegrundriß der Synagoge in Beton und einer Installation aus 140 Stühlen. (Foto auf der Internetseite "Juden in Sachsen", S.6)

Die jüdischen Stiftungen und Vereine:
Im Judentum ist die Fürsorge für die Toten und auch die hilfsbedürftigen Lebenden im Talmud begründete Tradition aller jüdischen Gemeinden. Für diese allgemeine Wohlfahrtspflege wurden in den Haushaltsplänen der Gemeinden feste Ausgaben aufgewendet. Darüber hinaus gründeten gut situierte Gemeindemitglieder Stiftungen für das Allgemeinwohl. In Leipzig gab es rund siebzig gemeinnützige jüdische Stiftungen für den sozialen und kulturellen Bereich, die zwischen 1861 und 1928 gegründet wurden. Armen-, Alten-, Kranken-, Witwen- und Waisenpflege wurden ebenso unterstützt wie Studenten, Handwerkslehrlinge und die Erforschung der Wissenschaft des Judentums. Ebenso sind das von Chaim Eitingon gestiftete Krankenheim und das mit seinem Namen verbundene Israelitische Krankenhaus der Eitingon-Stiftung, das Kindererholungsheim der Alfons-Jacobson-Stiftung Dürrenberg, das Kinderheim der Leipziger Loge in der Poniatowskistraße 12, sowie das jüdische Altersheim der Ariowitsch-Stiftung in der Auenstraße 14 und das Schußheim'sche Altersheim zu nennen. All diese Stiftungen wurden im Mai 1939 durch Nationalsozialisten liquidiert, die Juden aus dem Krankenhaus, den Kinder- und Altersheimen 1942 deportiert.
Auch die schon Jahrzehnte lang tätigen rund siebzig jüdischen Vereine und Vereinigungen des sozialen, politischen und kulturellen Lebens in Leipzig wurden von den Nationalsozialisten bis 1940 aufgelöst. Im Jahre 1911 war in der Königstraße von der Pädagogin Henriette Goldschmidt (1825 – 1920), der Frau des Rabbiners Goldschmidt, die Hochschule für Frauen gegründet worden, die erste ihrer Art. An ihr wurden Kindergärtnerinnen nach Fröbels Erziehungskonzept ausgebildet. Ab 1921 wurde das Ausbildungsspektrum erweitert und umfasste fortan eine Vielzahl von Berufen aus dem sozialen und sozialpflegerischen Bereich. Henriette Goldschmidt war in der bürgerlichen Frauenbewegung tätig und gehörte zu den Gründerinnen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins.
Die Schule wurde von den Nationalsozialisten geschlossen.
1947 wurde zur Erinnerung an die Gründerin die Königstraße in "Goldschmidtstraße" umbenannt.
1912 hatte der orthodoxe Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach die Höhere Israelitische Schule gegründet, deren Direktor er bis 1934 blieb. Die Einweihung des Schulgebäudes in der Gustav-Adolf-Straße 7 fand 1913 statt. Sie galt als sechste Realschule und Höhere Töchternschule für die Stadt und unterrichtete zehn Klassenstufen bis zur mittleren Reife. Bis 1938 waren Juden und Nichtjuden, liberale, zionistisch gesinnte und orthodoxe Lehrer tätig gewesen, Sozialdemokraten, Deutschnationale und Anhänger der Zentrumspartei, hier als Lehrer tätig. 1942 wurde der Schulbetrieb durch die Nationalsozialisten eingestellt. Der letzte Direktor war Daniel Katzmann. 1988 wurde an dem Gebäude eine von Gerd Nawroth gestaltete Gedenktafel angebracht.

Die jüdischen Friedhöfe: Ehemaliger Israelitischer Friedhof an der Stephanstraße (Johannistal):
Bis zur Errichtung dieses Friedhofs mussten Leipziger Juden oder jüdische Messegäste auf den Friedhöfen in Dessau oder Naumburg beerdigt werden. Ende des 18. Jahrhunderts kamen durch die Erweiterung der Messen vor allem polnischen Juden aus Brody in die Stadt, sodass eine eigene Begräbnisstätte erforderlich wurde. Im Jahre 1811 wurde den Juden aus Brody nach langwierigen Verhandlungen die Konzession zur Errichtung einer Friedhofsanlage im Johannisthal erteilt. Der Brodyer Kaufmann Joel Schlesinger musste dem Rat der Stadt einige hundert Taler für dieses Recht bezahlen und sich und die Juden verpflichten, jährlich einen Taler Pachtzins an die Stadt zu entrichten. Bis 1864 erfolgten 334 Beerdigungen. Grabregister und Grabsteine zeigten, dass beinahe die Hälfte der dort Ruhenden aus Brody kam. Die Brodyer Gräber hatten fast ohne Ausnahme nicht nur aufrechte Steine, sondern auch liegende Grabplatten nach sephardischer Sitte... 1864 wurden die Tore des Friedhofs geschlossen. Die Gräber wurden als selbstverständliche Gemeindepflicht weiter erhalten. Ebenso zahlte die israelitische Religionsgemeinde dem Rat der Stadt Leipzig regelmäßig den jährlichen Pachtzins, den der Brodyer Kaufmann Schlesinger im Jahre 1811 für die Nutzung des Friedhofes in perpetuum übernommen hatte. 1936 kündigte die Stadt Leipzig der jüdischen Gemeinde den Friedhofspachtvertrag mit der Begründung, dass an der Stelle ein Volkspark mit Spielplatz entstehen solle. Erlaubt wurde lediglich die Umbettung der Toten in ein Gemeinschaftsgrab auf den 1926/27 angelegten Neuen Friedhof der Gemeinde an der Delitzscher Straße, viele Meilen entfernt vom Johannisthal. Auch einzelne Grabsteine konnten gerettet werden. Der älteste jüdische Friedhof in Leipzig war ausgelöscht. In seinem Aufsatz "Der Alte israelitische Friedhof in Leipzig" schildert Paul Benndorf im Jahre 1925 die Gestalt des Friedhofs vor der von den Nationalsozialisten angeordneten Auflösung: "Dem Blicke völlig entrückt, von nur wenigen gekannt, den meisten eine terra incognita, liegt gleich einer einsamen Insel im wogenden Ozean des Großstadtverkehrs ein friedlicher Ort: Der Alte Israelitische Friedhof im Johannisthale. Vor mehr als hundert Jahren wurde er in der ehemaligen Sandgrube vor dem Sandtore in einem Umfang von 1200 qm angelegt. .. Der Zugang zu diesem stadt-, kunst- und kulturgeschichtlich interessanten Begräbnisplatze liegt neben der Sternwarte zwischen Privatgärten. Durch einen kleinen Vorgarten, in welchem ein verschütteter Brunnen liegt, der ehemals das rituale Waschwasser den Besuchern spendete, kommt man zu dem durch ein Holztor geschlossenen Haupteingang. Wie es rituelle Vorschrift ist, liegen alle Gräber in einer Richtung, hier mit dem Fußende nach Osten; die Grabstellen stehen am Kopfende. 87 Grabstellen haben keine Gedenktafeln..." (zitiert nach: Brocke, Stein und Namen, jüdische Friedhöfe in Ostdeutschland, S. 450) Der Volkspark mit Spielplatz wurde nie angelegt.
"Heute ist der ehemalige älteste jüdische Friedhof Leipzigs Bestandteil der Kleingartensparte Johannistal; nur die noch vorhandenen Reste einer Straßeneinmündung an der Stephanstraße lassen noch eine im Ursprung andersartige Nutzung erahnen. Durch Unterdrückung und Repressalien ist sie gekennzeichnet, die Geschichte der Juden nicht nur in Leipzig, und so scheint es in einer Zeit, die sich dem Anspruch von Toleranz und Menschenrechten, Menschenwürde stellt, angebracht, dem Friedhof wenigsten mit einer Erinnerungstafel zu gedenken. Zu gedenken einem Friedhof, von dessen Existenz und Schicksal heute kaum noch jemand weiß. Damit nicht in Vergessenheit gerät, was nicht in Vergessenheit geraten darf." (H. Steinführer, Der alte Israelitische Friedhof im Leipziger Johannistal, Manuskript einer Radiosendung von Juli 1991, zitiert in: Brocke, Stein und Name, Jüdische Friedhöfe in Ostdeutschland, S. 459) (Überprüfen, ob es inzwischen eine solche Gedenktafel gibt!)

Alter Israelitischer Friedhof an der Mockauer Straße
(heute: Alter Israelitischer Friedhof Berliner Straße 123)
Da nach den jüdischen Religionsgesetzen Gräber nie eingeebnet oder doppelt belegt werden dürfen, machte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts bereits Mangel an Platz in der Anlage im Johannisthal bemerkbar. Im Juli 1862 übergab die Stadt Leipzig offiziell der inzwischen gegründeten Israelitischen Religionsgemeinde den Begräbnisplatz an der Berliner Straße für eine jährlich zu entrichtende Grundsteuer von 120 Talern. Die Schließung des alten Friedhof im Johannisthal erfolgte im Februar 1864.
Der Friedhof Berliner Straße ist in acht Hauptfelder geteilt, je vier seitlich der Achse. Auffallend in den ersten zwei Feldern sind die vielen Hinweise auf Geburtsorte wie Brody, Czernowitz, Odessa, Berditschew, Wilna, Meseritz, Lenberg, Jassy, Lissa u.a. Im vorderen Teil des Friedhofs sind die Inschriften getrennt, d.h. die hebräische Inschrift steht auf der einen Seite, die deutsche Inschrift auf der anderen Seite des Steins. Im Gegensatz dazu sind im hinteren Teil die zweisprachigen Inschriften auf einer Seite des Steins zu lesen. "Betrachten wir hinsichtlich des kunstgeschichtlichen Wertes die wenigen hervorragenden Denkmäler auf dem Friedhofe, so unterscheiden wir im Allgemeinen vier Stilarten: 1. Nachgeahmter spanisch-maurischer Stil, 2. Stelenstil, wobei die hebräische Inschrift das Ornament bildet, 3. Empirezeit, 4. Barock. Als Symbole treten auf: Mohnstengel: Sinnbild des Schlafes; Akanthus, geschwungene Linie: Symbol der Ewigkeit; in der Blüte umgebrochener Baum, erhobene Hände: Zeichen der Abkunft von Aron; und Schüssel mit Kanne: versinnbildlicht Abkömmling von Stamme Levi... 146 Grabsteine tragen hebräische Inschriften." (zitiert nach: Brocke, Stein und Name, jüdische Friedhöfe in Ostdeutschland, S. 453)
Zehn Jahre nach Eröffnung des Friedhofs wurden fünfzehn junge Männer zu Grabe getragen, die "für das deutsche Vaterland" im deutsch-französischen Krieg 1870-1871 gefallen waren.
Auf dem Friedhof befinden sich auch die Gräber von Henriette und Abraham Meyer Goldschmidt.
Vom Bund jüdischer Frontsoldaten initiiert wurde am 6. Juni 1926 ein repräsentatives Ehrenmal aus Sandstein für die 120 Gefallenen des Ersten Weltkrieges eingeweiht. "Es ist eine aus Steinquadern erbaute Anlage, deren Vorder- und Rückseite die Form einer Giebelwand hat. Unter der Giebelspitze ein Text in plastisch hervortretenden Buchstaben: '1914-1918 / Ihren / für das Vaterland dahingegangenen Söhnen / Die dankbare /Israelitische Religionsgemeinde'. Darunter sind die Namen der Gefallenen in der Gesamtbreite des Denkmals verzeichnet. Blickfang der Vorderseite des Denkmals ist eine gut mit der Giebelform harmonierende Krone, die jeweils rechts und links von einem Löwen und einer Fackel flankiert wird. Der Davidstern ziert, einem Solitär vergleichbar, die Krone und lenkt auf die Inschrift 'Ech naflu gibborim – Wir sind gefallen die Helden!' – den so oft auf jüdischen Soldatendenkmalen zitierten Vers aus 2. Samuel 1, 19.25.27. Auf der Rückseite des Denkmals ist eines der ältesten jüdischen Symbole, eine siebenarmige Menora, zu sehen..." (zitiert nach: Brocke, Stein und Name, Jüdische Friedhöfe in Ostdeutschland, S. 463; Foto!)

Der neue Friedhof in der Delitzscher Straße im Stadtteil Eutritzsch
Schon Anfang des Jahrhunderts war absehbar, dass der Friedhof in der Berliner Straße bald nicht mehr genügend Platz für die Begräbnisse bieten würde. Am 6. Mai 1928 wurde der vom Gartenarchitekt Otto Mobsdorf angelegte neue Friedhof eingeweiht, wobei die von dem Architekten Wilhelm Haller entworfene Feierhalle mit ihrer über 18 Meter freigespannten, 21,5 Meter hohen Betonkuppel besonderes Aufsehen erregte. Der Friedhof misst 200x100 m und ist von einer Steinmauer umgeben. Eingangs auf dem Gelände stand die Feierhalle mit folgender Inschrift über der Tür: "Stärker als der Tod ist die Liebe" (Hohes Lied 8,6 , eigentlich heißt es dort: "Stark wie der Tod ist die Liebe").
Auf dem neuen Friedhof befinden sich auch die Gräber des Rabbiners Felix Goldmann und des Stifters Chaim Eitington.
Während des Novemberpogroms 1938 wurde der Friedhof geschändet, die Nebengebäude der Feierhalle verbrannt. Obwohl die Feierhalle selbst unzerstört blieb, musste die gesamte Anlage im Februar 1939 auf Anweisung der Nationalsozialisten gesprengt und abgerissen werden.
Am 8. Mai 1951 wurde an jener Stelle, wo die Feierhalle gestanden hatte, ein Mahnmal eingeweiht. Der Entwurf stammte von Hanns Degelmann.
"Am Ende der Hauptachse gelangt man zu einem runden Platz mit dem großen, schlichten Mahnmal. Es hat die Form eines Kastens und wurde aus wuchtigen Quadern zusammengesetzt. Auf der Vorderseite prangt ein großer Davidstern und darunter die hebräische Inschrift aus Klgl. 1,18: 'Schim'u na kol ha-'ammim u-r'u mach'owi.' Dann die deutsche Übersetzung: 'Höret doch ihr Völker alle und sehet meinen Schmerz!' Auf der rechten Seite steht: '1933-45 fielen über 14 000 Juden dieser Stadt – Männer, Frauen und Kinder – wehrlos dem Rassenwahn und der Mordgier nazistischer Schergen zum Opfer. 'Links: 'Mögen jetzige und künftige Geschlechter stets daran denken, dass Rassenhass die Menschheit in tiefstes Elend stürzt." Rückseite: 'Wisset ihr seid unvergessen.'
Hinter dem Denkmal führt ein schmaler Kieselweg 10 Meter zu einem ca. 30 cm erhöhten quadratischen, ebenfalls mit Kieseln bestreuten Platz. Hier stehen die erwähnten 16 alten Steine aus Johannistal, die alle nur hebräische Inschriften tragen... Diese 16 Steine sind der Rest von vermutlich Hunderten von Steinen, die durch Einebnung verloren gegangen sind. Zum Teil zeigen die Steine beachtliche Symbole –Kohanimhände, Levitenkannen, ein abgebrochener Baum und diverse Füllornamente." (zitiert nach: Brocke, Stein und Name, Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland, Seiten 469-470)
1953 wurde eine neue Feierhalle errichtet.
Zerstörung:
Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich ein zunehmender Antisemitismus. Juden wurden für den verlorenen Krieg, die territorialen Verluste, die Reparationsforderungen der Alliierten und die wirtschaftlichen Probleme verantwortlich gemacht. 1922 wurde in Leipzig eine NSDAP-Ortsgruppe gegründet. Andererseits fiel in die Zeit der Weimarer Republik die Blütezeit jüdischen Lebens nicht nur in Leipzig und wurden gesellschaftliche Barrieren zwischen Juden und Nichtjuden aufgeweicht. 1925 zur Zeit der Weimarer Republik lebten etwa 13500 Juden in Leipzig.
Nach der Machtübertragung an Hitler und die NSDAP durch den Reichspräsidenten Hindenburg begann auch in Leipzig die staatlich organisierte Diffamierung, Ausgrenzung und Verfolgung der Juden. Boykott gegen jüdische Geschäfte, Berufsverbote gegen jüdische Beamte, Hochschullehrer, Rechtsanwälte und Notare, Nürnberger Gesetze, Ausschluss von Schulen und Universitäten, Arisierungen von Geschäften und Arztpraxen führten zur Reichspogromnacht im November 1938. Die meisten Synagogen und Bethäuser, die jüdische Schule, Geschäfte und Wohnungen von Juden wurden demoliert, geplündert, in Brand gesetzt. 550 Leipziger Juden wurden verhaftet, die meisten in die Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt. Viele Juden versuchten sich durch Flucht ins Ausland zu retten. In den ersten Jahren nach 1933 hatten bereits viele Juden Deutschland verlassen, sodass vor der Pogromnacht noch etwa 11.500 Juden in Leipzig lebten. Nach der Pogromnacht versuchten sich viele Juden durch Flucht ins Ausland zu retten. Bis Ende 1941 sank die Zahl der jüdischen Einwohner durch Emigration und auch durch Verhaftungen und Einweisungen in Konzentrationslager, was oft den Tod der Häftlinge zur Folge hatte, auf etwa 2500 ab. Durch das Gesetz vom 30. April 1939 über die Mietverhältnisse der Juden wurde die Aufhebung ihres Mieterschutzes verkündet. In der Folgezeit wurden die jüdischen Familien aus ihren Wohnungen verwiesen und in bestimmte Häuser, sog." Judenhäuser", in der Stadt einquartiert. Bis zum Beginn der Deportationen wurden die Frauen, Männer und Kinder auf engstem Raum zusammengepfercht. Einige der Häuser stehen noch, z.B. die Löhrstraße 10 (früher Walter-Blümel-Straße), Jacobenstraße 7, Färberstraße 11, Funkenburgstraße 15,16,23 und 25, Humboldtstraße 4,6,10,12a,13,15. Schulen, Altersheime und das Eitingon Krankenhaus wurden geschlossen und als "Judenhäuser" missbraucht.
Am 21. Januar 1942 erfolgte die erste Deportation von Juden nach Riga, bis 1945 gingen weitere Transporte nach Belzyce, Auschwitz und Theresienstadt. Über 2000 Männer, Frauen und Kinder jüdischer Herkunft wurden aus Leipzig deportiert, nur etwa 220 von ihnen überlebten.
Unmittelbar nach dem Ende des Krieges begründeten die wenigen Überlebenden der Stadt die israelitische Religionsgemeinschaft von Leipzig neu. Hinzu kamen die Zurückkehrenden aus den Lagern. Bis 1949 stieg die Zahl der Mitglieder auf 340 Personen an. In den 90er Jahren kamen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Leipzig. Heute hat die Gemeinde etwa 1300 Mitglieder. Neben den Gedenksteinen und Gedenktafeln an öffentlichen Gebäuden jüdischen Lebens wurden in den vergangenen Jahren, auch in Leipzig zahlreiche Stolpersteine zur Erinnerung an die durch den Rassismus und Totalitarismus des NS-Regimes Ermordeten vor ihren Wohnhäusern in das Pflaster der Bürgersteine eingelassen. Diese Erinnerungsarbeit wird getragen von zahlreichen Bürgern der Zivilgesellschaft und ist basisdemokratisch organisiert.
Sources: Adolf Diamant, Chronik der Juden in Leipzig, Leipzig 1993; (Leo-Baeck-Institut, JUD II F 8 97/235)
Juden in Leipzig, Eine Dokumentation, 1988;
Bernd-Lutz Lange, Jüdische Spuren in Leipzig, Ein Begleiter durch die Stadt, Forum Verlag, Leipzig 1993;
Bernd-Lutz Lange, unveröffentlichtes Manuskript über Synagogen und jüdische Friedhöfe in Leipzig;
Michael Brocke u.a., Stein und Name, Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland, Berlin 1994, Seiten 448-471;
Internetseite "Juden in Sachsen"(bei www.synagogen.info);
Internetseite "Judentum in Leipzig" (unter: Liste Synagogen in Deutschland);
Internetseite "Jüdisches Leipzig"
Located in: Saxony