Altenburg – Thuringia (German)

Location: Thuringia
About this community: In Altenburg haben um die Mitte des 14. Jahrhunderts Juden gelebt. 1418 wurden 14 steuerzahlende jüdische Männer registriert. Nach dem 15. Jahrhundert war es Juden verboten, sich in Altenburg niederlassen. Einzelheiten über eine Verfolgung und Vertreibung der Altenburger Juden, wie es im thüringschen Raum im 13. bis 15. Jahrhundert wiederholt geschah, sind nicht bekannt. Viele thüringsche Juden zogen nach Osteuropa.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde es Juden wieder gestattet, sich in Altenburg niederzulassen. 1880 lebten 28 Juden im Herzogtum Sachsen-Altenburg. Juden, hauptsächlich aus Galizien, zogen innerhalb des Herzogtums anfangs nach Meuselwitz, da dort Arbeiter in den Braunkohlebergwerken gebraucht wurden. Eine Gruppe von 50 jungen jüdischen Männern aus Galizien, geführt von Berel Dov Bernhard Spiegel, hat nach der Jahrhundertwende in den Bergwerken gearbeitet.
1906 gründeten die jüdischen Familien die Israelitische Kultusgemeinde `Agudat Achim´ (Vereinte Brüder) unter Vorsitz von Leizer Engelberg. Es ist anzunehmen, dass die Gemeinde einen Betsaal einrichtete. Man weiss, dass die Gemeinde die Erlaubnis vom Meuselwitzer Stadtrat erhielt, sich an den Feiertagen zum gemeinsamen Gebet in einem Nebenraum des Restaurants ´Glückauf´ zusammenzufinden.
Im März 1921 mussten die Bevollmächtigen der Kultusgemeinde Adolf Abraham Meerfeld und Aron Landwirth die Gemeinde wegen Zahlungsunfähigkeit auflösen. Wahrscheinlich verliessen viele jüdische Bergwerkarbeiter die Stadt. Die verbliebenen Juden in Meuselwitz schlossen sich der neugegründeten Gemeinde in Altenburg an. 1925 lebten nur noch 22 Juden in Meuselwitz. Das Zentrum jüdischen Lebens zog somit nach Altenburg.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten sich Juden aus Galizien, Schlesien, Westpolen und Ostpreussen dort niedergelassen. Um 1922 gründeten etwa 20 jüdische Familien (60 Personen) eine Gemeinde. Die Schulkinder erhielten Religionsunterricht von dem Lehrer Max Graf aus Leipzig. Der Unterricht wurde im Haus der Familie Cohn-Bucky-Levy in der Bismarckstr. 2 (heute Rudolf Breitscheid-Str.) abgehalten.
In Altenburg gab es keinen eigenen jüdischen Friedhof. Die Toten der Gemeinden Altenburg und Meuselwitz wurden auf dem jüdischen Friedhof in Leipzig beerdigt.
1927 wurde in Altenburg eine eigenständige Kultusgemeinde gegründet, die sich dem Thüringschen Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden anschloss. Die Gemeindemitglieder richteten einem Betsaal im Hinterhof der Pauritzer Gasse 54 ein. Am Shabbat und zu den Feiertagen versammelte man sich dort zum gemeinsamen Gebet nach osteuropäischem Ritus. An den Hohen Feiertagen fungierte der sehr geschätzte Israel Waldmann aus Stryi als Chazan. 1931 war Anna Klöppel als Mieterin/Besitzerin des Hauses Pauritzer Gasse 54 verzeichnet.
Für das Jahr 1924 ist eine jüdische Wohlfahrtsstelle in Altenburg aufgeführt. 1929 rief die Kultusgemeinde eine Wohlfahrtspflege zur Unterstützung hilfsbedürftiger Glaubensbrüder ins Leben. 1931 hatte die Wohlfahrtspflege 13 aktive Mitglieder unter dem Vorstand des Lederhändlers Markus Hüttmann.
Nach dem Tod des Lehrers Graf 1929 übernahm Selig Wolf Gottesmann aus Leipzig dieses Amt und war auch für das Schächten zuständig. 1933 wurde der Schriftgelehrte und Sprachlehrer Lev Leon Gildingorin zum Gemeindelehrer ernannt. Gildingorin, der öfters auch als Vorbeter und Thora-Vorleser beim gemeinsamen Gebet fungierte, war eine geistige Autorität in der Kultusgemeinde. Da die Gemeinde wuchs und in den Dreissiger Jahren mehr als hundert Personen umfasste, nahm die Erziehung des Nachwuchses eine zentrale Position ein. Gildingorin lehrte 15 bis 25 Kindern im Alter von sechs bis fünfzehn Jahren an zwei Nachmittagen in der Woche die jüdische Religion und die hebräische Sprache. Bei der Geburt eines Jungen in der Gemeinde wurde ein Mohel aus Erfurt bestellt.
Im Januar 1933 stellte die Kultusgemeinde einen Antrag an das Wirtschaftsamt der Stadt, eine Badezelle im öffentlichen Marienbad in eine Mikwe umzubauen und zu mieten. Bis dahin hatte die Gemeinde die Mikwe in Leipzig benutzt. Dem Antrag wurde stattgegeben, doch am 3. April 1933, zwei Tage nach dem bundesweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte, sah sich Wilhelm Wolf Goldberg, Vertreter der Kultusgemeinde, gezwungen, diese Pläne aufzugeben.
Am 28. Oktober 1938 verhaftete die Gestapo 50 Juden aus Altenburg und Meuselwitz und schob sie nach Polen ab. Nur fünf von ihnen überlebten das Jahr 1943.
Laut den ´Nürnberger Gesetzen´ war es jüdischen Kindern nach dem 10. November 1938 verboten, eine höhere Schule zu besuchen. Dies bedeutete für die Altenburger jüdischen Kinder, dass sie die allgemeine Schule in Altenburg verlassen und jeden Tag nach Leipzig in die jüdische Schule ´Ephraim Carlebach´ fahren mussten.
In der Pogromnacht am 9./10. November 1938 wurden jüdische Männer zwischen fünf und sechs Uhr morgens von SA-Leuten aus ihren Häusern getrieben und in den Börsensaal des Rathauses getrieben. Auf dem Weg schlugen Altenburger Bürger mit blossen Händen und Stöcken auf die Juden ein und bespuckten sie. Andere beschmierten ihre Haare und Gesichter mit roter Mennige-Farbe. Im Rathaus wurden die jüdischen Männer misshandelt und später in das Polizeipräsidium und dann auf das Landesgericht gebracht. Von dort wurden sie in das KZ Buchenwald deportiert. Die SA mit ihren zivilen Helfern brachen gewaltsam in den Betsaal in der Pauritzer Gasse ein. Dort zerstörten sie das gesamte Inventar und verstreuten zerrissene Gebetbücher auf dem Bürgersteig. Die Thora-Rollen wurden auf der Strasse entrollt, damit Bürger sie bespucken und mit Fahrzeugen über sie fahren sollten. Auch wurden jüdische Geschäfte vollständig demoliert und Wände mit antisemitischen Parolen beschmiert. 50 bis 60 Personen beteiligten sich an dem Pogrom in Altenburg.
Einige in das KZ Buchenwald deportierte Juden gelang es, freigelassen zu werden und flohen ins Ausland. Fast 40% der Juden im Landkreis Altenburg gelang die Flucht. 14% flohen nach Eretz Israel, 5% in die Niederlande, 3% in die USA, knapp 3% nach Grossbritannien und einige nach Südamerika und Südafrika. Die Juden, die nichr fliehen konnten, wurden in die Vernichtungslager deportiert.
Am 10. Mai 1942 wurden 17 Altenburger Juden ins Ghetto Belzyce verschleppt und von dort in die Lager Belzec, Treblinka und Majdanek überführt. Weitere 41 Juden wurden nach Polen abgeschoben. Keiner von den 58 Juden überlebte. Mitte 1943 wurden zehn Juden nach Auschwitz deportiert. Nur eine Frau überlebte. Die letzten in Altenburg verbliebenen Juden wurden nach Theresienstadt deportiert.
In einer namentlichen Aufstellung von Altenburger und Meuselwitzer Juden sind mehr als 100 Personen erfasst, die die Vernichtung nicht überlebt haben.
Sources: Literatur: - Die Juden in Altenburg\Thüringen Stadt und Land, Ingolf Strassmann, München
- Germania Judaica, Band 2, Z. Avneri (Hrsg.), Tübingen, 1968
- Germania Judaica, Band 3, A. Maimon (Hrsg.), Tübingen, 1987
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